




Es richt schon von Weitem nach Fisch, da ist der Hafen noch lange nicht in Sicht. Wir kommen näher, der Geruch wandelt sich zu Gestank. Wir machen die letzten Schritte durch das Tor und tauchen ein in den Trubel, das Stimmengewirr, das Spektakel – den Hafen von Essaouira.
Der Teer fühlt sich weich an, Fischschuppen bedecken den Boden. Unzählige Stände stehen dicht an dicht. Alle Arten von Fisch liegen in der Auslage. Meeresbrassen, Muränen, Rochen, Tintenfisch, Thunfisch, Krabben und sogar einen Hai entdecken wir. Nicht zu vergessen die Sardinen, die hier Kistenweise verkauft werden und gerade von den kleinen Fischerbooten abgeladen werden.

Ulkig sehen sie aus, ein überdimensioniert Rumpf für ein viel zu kurzes und breites Boot lassen es un-proportional wirken. Aber nur so funktionieren sie wohl auf dem offenen Atlantik. Daneben legen größere Kutter mit Schleppnetzen am Kai an – zum Teil zwei-, drei- und vierreihig. Ein unübersichtliches Durcheinander entsteht. Die Fischer haben gute Laune, der Fang war wohl gut. Es wird gesungen, Netze werden geflickt, Möwen verscheucht und die Boote und Kutter für die nächste Fahrt vorbereitet.

Plötzlich wird es laut – Rufe, Jubel, Schreie.
Jungs drängen sich am Kai, sind aufgeregt, plappern durcheinander. Wir sind neugierig, was es damit auf sich hat und dann sehen wir ihn. Einer von ihnen steht oben auf der Mauer, einige Meter über dem Wasser und setzt zum Sprung an. Ein Köpfer. Er springt ab und taucht in Bruchteilen einer Sekunde in das Wasser ein. Wir halten den Atem an, sehen ihn zuerst nicht, doch dann taucht er endlich wieder auf, lacht, lässt sich feiern.

Hier an der Hafenmauer treffen sich die Jungs gegen Abend. Während sie tagsüber arbeiten müssen, schaffen sie sich hier ihre eigene Freiheit, stellen sich in den Mittelpunkt, lassen sich nichts sagen. Nicht einmal von dem Polizist, der mit seinem Schlagstock versucht die Mauer freizuhalten. Er steht auf verlorenem Posten. Sie überrennen ihn, stecken ein paar Schläge ein, setzen sich durch, geben alles für die Show. Wer springt von weiter oben, traut sich auf die Mauer, schafft die meisten Pirouetten oder Saltos? Ein kollektives nach Luft schnappen der Zuschauer genügt ihnen als Anerkennung und Bewertung ihrer Leistung.

Wie an so vielen Orten in Marokko ist auch dieser Freizeitvertreib eine reine Männerdomäne. Wir sehen zwei Mädchen, die mitmischen wollen. Mutig springen sie von der Mauer, wollen ihre Show, ihren Moment. Schon nach kurzer Zeit aber werden sie von den Jungs angegangen und abgedrängt. Vor Wut schäumend stürmen sie davon. Wir hoffen sie lassen sich nicht unterkriegen, kommen wieder und setzen sich durch.
Es ist heiß! 40 Grad Celsius um genau zu sein. Trotz zweitem Mal duschen klebt das T-Shirt wie eine zweite Haut am Körper. Zwar hält die Überdachung der Gasse, in der wir stehen, die Sonne ab, allerdings vernichtet sie auch jede Chance auf ein bisschen Luftzug. Links und rechts werden aus Geschäften allerlei Waren angeboten. Ledertaschen, Bastlampen, Tontassen und -teller, Kunstwerke, Webstoffe, Gewürze, Essen – die Läden reichen weit in den Weg hinein, sodass er kaum mehr als 2 Meter breit sein kann.

Händler preisen ihre Waren, sprechen uns an, sind penetrant. Hört der eine auf, kommt schon der Nächste auf uns zu. Menschen laufen, rennen schon fast in die eine oder andere Richtung an uns vorbei. Andere wollen uns den Weg zeigen, rufen „This is no way! Come here. I show you the way.“, wohl wissend, dass sie aus uns Touristen Profit schlagen können. Rollerfahrer drängen sich dazwischen, hupen, fluchen. Ein vor einen Karren gespannter Esel schlägt aus. Ihm ist das Gedränge wohl zu viel. Es grenzt an ein Wunder nicht überfahren oder überrannt zu werden. Es funktioniert irgendwie, die Menschen nehmen trotz allem Rücksicht aufeinander.

Während wir durch die Gassen laufen drängt sich uns eine Kakophonie an Gerüchen auf. Von links wehen Gewürznoten zu uns herüber. Ras el-Hanout, Curry, Kurkuma, Sternanis, Pfeffer, Thymian und frische Minze. Rechts verströmt ein vor Ledertaschen überquellender Laden eine Mischung aus typischem Ledergeruch und stinkenden Gerbstoffüberresten. Vor uns werden auf Holzkohle Tajine und Köftespieße gebraten. Ein kleiner Eingang führt in einen Keller zu einem großen Ofen. Hier wird Wasser für das angrenzende Hammam erhitzt, daneben wird frisches Brot rausgebacken. Rauch steht in den Gassen, ist allgegenwärtig. Hinter uns ertönt das metallische Klirren von Hämmern. Ein Handwerker produziert Messinglampen. Es wird geschweißt, der metallisch, verbrannte Geruch mischt sich unter.

Von außen betrachtet ist es das totale Chaos. Ein Überforderung aller Sinne zur gleichen Zeit. Wir brauchen Pause, müssen uns die Stadt in erträgliche Dosen aufteilen. Für die Menschen der Medina Marrakeschs ist es Alltag. Hier spielt sich ihr ganzes Leben ab. Sie bringen die Stadt zum Pulsieren, machen sie unvergleichlich, besonders, für uns so aufregend.

Ich bin Marius Rodi, Softwareentwickler, bald wieder Student, fotografie-, berg- und volleyballbegeistert.

In mir verspüre ich schon seit Langem das Bedürfnis mein Erlebtes, meine Erfahrungen und das was mich interessiert aufzuschreiben. So ist ein Wust an Orten entstanden, an denen ich verschiedene Dinge dokumentiere und dokumentierte.
Dieser Blog soll für mich der eine Ort sein, an dem ich das niederlegen kann, was gerade in meinem Leben vor geht.