Eintauchen in die zwei Welten des Hafens – Essaouira, Marokko

Es richt schon von Weitem nach Fisch, da ist der Hafen noch lange nicht in Sicht. Wir kommen näher, der Geruch wandelt sich zu Gestank. Wir machen die letzten Schritte durch das Tor und tauchen ein in den Trubel, das Stimmengewirr, das Spektakel – den Hafen von Essaouira.

Der Teer fühlt sich weich an, Fischschuppen bedecken den Boden. Unzählige Stände stehen dicht an dicht. Alle Arten von Fisch liegen in der Auslage. Meeresbrassen, Muränen, Rochen, Tintenfisch, Thunfisch, Krabben und sogar einen Hai entdecken wir. Nicht zu vergessen die Sardinen, die hier Kistenweise verkauft werden und gerade von den kleinen Fischerbooten abgeladen werden.

Je früher man den Hafen besucht, desto frischer ist der Fisch. Gegen Mittag sind die Eiswürfel jedoch längst weggeschmolzen. Das hindert aber niemanden daran, den Fisch nicht weiterhin anzubieten. Den Thunfisch konnten wir auch am dritten Tag noch in der Auslage wiederfinden. | Foto: Ines Maidel, 2025

Ulkig sehen sie aus, ein überdimensioniert Rumpf für ein viel zu kurzes und breites Boot lassen es un-proportional wirken. Aber nur so funktionieren sie wohl auf dem offenen Atlantik. Daneben legen größere Kutter mit Schleppnetzen am Kai an – zum Teil zwei-, drei- und vierreihig. Ein unübersichtliches Durcheinander entsteht. Die Fischer haben gute Laune, der Fang war wohl gut. Es wird gesungen, Netze werden geflickt, Möwen verscheucht und die Boote und Kutter für die nächste Fahrt vorbereitet.

Die Stimmung ist gut, es wird gesungen, gescherzt und gelacht. Obwohl es nach einem harten Knochenjob aussieht, wirkt es auf uns so, als wäre wirklich jeder gerne hier. | Foto: Marius Rodi, 2025

Plötzlich wird es laut – Rufe, Jubel, Schreie.

Jungs drängen sich am Kai, sind aufgeregt, plappern durcheinander. Wir sind neugierig, was es damit auf sich hat und dann sehen wir ihn. Einer von ihnen steht oben auf der Mauer, einige Meter über dem Wasser und setzt zum Sprung an. Ein Köpfer. Er springt ab und taucht in Bruchteilen einer Sekunde in das Wasser ein. Wir halten den Atem an, sehen ihn zuerst nicht, doch dann taucht er endlich wieder auf, lacht, lässt sich feiern.

Höher, weiter, mit Salto und Pirouette – Die mutigen lassen sich auch von dem Polizisten mit Schlagstock auf der Mauer nicht abschrecken. | Foto: Ines Maidel, 2025

Hier an der Hafenmauer treffen sich die Jungs gegen Abend. Während sie tagsüber arbeiten müssen, schaffen sie sich hier ihre eigene Freiheit, stellen sich in den Mittelpunkt, lassen sich nichts sagen. Nicht einmal von dem Polizist, der mit seinem Schlagstock versucht die Mauer freizuhalten. Er steht auf verlorenem Posten. Sie überrennen ihn, stecken ein paar Schläge ein, setzen sich durch, geben alles für die Show. Wer springt von weiter oben, traut sich auf die Mauer, schafft die meisten Pirouetten oder Saltos? Ein kollektives nach Luft schnappen der Zuschauer genügt ihnen als Anerkennung und Bewertung ihrer Leistung.

Im Gegensatz zu den meisten anderen wollen die Jugendlichen hier fotografiert werden. Sie wissen, hier stehen sie im Mittelpunkt und genießen jeden Moment davon. | Foto: Marius Rodi, 2025

Wie an so vielen Orten in Marokko ist auch dieser Freizeitvertreib eine reine Männerdomäne. Wir sehen zwei Mädchen, die mitmischen wollen. Mutig springen sie von der Mauer, wollen ihre Show, ihren Moment. Schon nach kurzer Zeit aber werden sie von den Jungs angegangen und abgedrängt. Vor Wut schäumend stürmen sie davon. Wir hoffen sie lassen sich nicht unterkriegen, kommen wieder und setzen sich durch.